
Wir müssen endlich ein paar Worte über „War“ verlieren. Die bei Sky laufende HBO-Serie von „Lupin“-Macher George Kay ist zwar schon Anfang Oktober gestartet, doch das heißt nicht, dass man nicht jetzt noch damit anfangen könnte – zumal die letzten drei der im Wochentakt veröffentlichten Episoden noch ausstehen. Wir haben die Serie über einen erbitterten Promi-Scheidungskrieg schon komplett gesehen und finden: Das neue „Succession“, wie mancherorts annonciert, ist dieser Achtteiler eher nicht, ein höchst unterhaltsames Justizdrama aber definitiv.
Am Anfang steht eine Falle: Nachdem ihm soeben ein weiterer bedeutender Preis verliehen wurde, bietet sich dem schwer von seiner eigenen Wichtigkeit überzeugten Tech-Milliardär Morgan Henderson (gespielt von „The Wire“-Star Dominic West) eine um Jahrzehnte jüngere Frau zum Beischlaf an. Eigentlich tue er so etwas ja nicht, aber … Die beiden verbringen die Nacht im Luxushotel. Was Morgan nicht weiß: Flora (Rose Williams, „Sanditon“) ist eine Schauspielerin, die sich von seiner Gattin Carla anheuern ließ, um seine Untreue zu beweisen. Flora macht ein Beweisfoto.
Offensichtlich hatte Carla ihre Gründe für diesen Test. Sie selbst ist Schauspielerin, sogar eine sehr erfolgreiche – allerdings liegt ihr Zenit schon hinter ihr. Inzwischen muss der einstige Megastar in mittelmäßigen Filmen mitspielen, die Promo-Touren dafür sind ihr eine Last. Verkörpert wird Carla passenderweise von einer Schauspielerin, die ihre erfolgreichsten Tage selbst schon hinter sich zu haben schien: Ex-Model Sienna Miller, in den Nullerjahren nach Filmen wie „Layer Cake“ ein paar Jahre lang der letzte Schrei, danach aber (trotz Golden Globe für „The Girl“) rasch wieder in die zweite Reihe zurücksortiert. Gut möglich, dass „War“ nun für neuen Auftrieb in Millers Karriere sorgt: Sie spielt diese Carla Duval hervorragend.
Was hinter der One-Night-Stand-Feuerprobe steht: Carla möchte sich von Morgan scheiden lassen. Die Ehe dümpelte schon lange vor sich hin: Er betreibt sein Tech-Imperium rund um die von ihm gegründete Social-Media-Plattform „Zephyr“ von London aus, während sie auf der ganzen Welt herumfliegt. Zehn Jahre nach der großen Hochzeit sind Romantik und Innigkeit weitgehend aus der Beziehung verschwunden, während sich das finanzielle Kräfteverhältnis klar verschoben hat: Morgan verdient nun viel, nein: extrem viel mehr Geld als Carla. Deshalb möchte die Scheidungswillige nun das Bestmögliche herausschlagen aus ihrem Ehe-Exit. Dazu trifft sie sich in Paris mit Anwälten. Dummerweise bekommt Morgan das mit. Weshalb er nun seinerseits eine Kanzlei beauftragt, die Carla sogar zuvorkommen soll. Bei der Premiere ihres neuesten Filmes, am Roten Teppich, werden ihr die Scheidungspapiere übergeben.
Das ist der Ausgangspunkt für eine Serie, die das Prinzip der HBO-Qualitätsproduktionen mit den Standards des Justizkrimis zu vereinen sucht: Es geht mit der multimillionenschweren Scheidung zwar um einen Justizfall, der aber nicht im Case-of-the-Week-Rhythmus herkömmlicher Anwaltsserien abgefrühstückt wird, sondern die ganzen acht Folgen Raum zur Entfaltung bekommt. Wie in „Succession“ (Medienwirtschaft) oder „Industry“ (Investmentbanking) steht dabei eine umfangreiche Gruppe hochprofilierter Professionals im Mittelpunkt – zusammen mit den scharfen Dialogen, in die sie sich verstricken.
Schnell kristallisiert sich heraus, dass der titelgebende Krieg weniger derjenige ist, den Morgan und Carla miteinander ausfechten, sondern der, den die von ihnen beauftragten Anwaltskanzleien aus der Taufe heben. Eine zentrale Frage dieser acht Episoden wird sein, ob der eigentliche Anlass – das Ende einer Ehe – überhaupt derart eskalieren muss, wie er es in dieser Staffel tut; ob der Riss zwischen Morgan und Carla überhaupt so tief ist, wie es der erbitterte Rechtsstreit wohl naturgemäß glauben machen muss.
Morgan lässt sich von Cathcarts & Sons vertreten, einer alteingesessenen Kanzlei vom alten Schlag mit viel Erfahrung in prominenten Fällen. Die edelholzvertäfelten Büros verströmen die Aura von Tradition und jahrzehntelangem Erfolg. Das Team führt Kanzleipartnerin Beatrice Ubosi (Nina Sosanya, „The Girl in the Water“) gemeinsam mit dem scharfzüngigen Chefzyniker St John Smallwood (beste Figur der Serie: Pip Torrens, „The Crown“, „Preacher“) an. Beide sind No-Nonsense-Anwälte, die keine Scheu kennen, vor Gericht die gegnerische Vertretung zu attackieren und auch im Privatleben der Gegenseite herumzuwühlen.
Carla wiederum heuert die noch junge Kanzlei Taylor & Byrne an, deren Büroräumlichkeiten mit viel Helligkeit und Glas eine ganz andere Sprache sprechen. Die beiden Chefs Nicholas Taylor (James McArdle, „Playing Nice“) und Serena Byrne (Phoebe Fox, „Task“) sind auch privat ein Paar, Serena ist gerade schwanger. Zudem haben sie selbst schon für Cathcarts gearbeitet – der Fall bedeutet beiden also ziemlich viel: Ein Gewinn könnte ihren endgültigen Durchbruch bedeuten, ihre Etablierung in der High-Society-Jura Londons, ein Fehlschlag den Ruin. Denn in der Kanzlei steckt ihr privates Geld.
Von der One-Night-Stand-Falle an wird in „War“ rasch klar, was die eigentliche Währung ist: Information. Daher wird auch schon in der ersten Episode (und darum darf man’s verraten) ein entscheidendes Instrument zur Anwendung gebracht: Cathcarts platzieren einen Maulwurf bei Taylor & Byrne, den jungen Anwalt Johnny Warren (Archie Renaux, „Shadow and Bone“). Nach einem eher erfolglosen Abstecher in die Justizwelt von New York ist Johnny gerade erst nach London zurückgekehrt, wo er vorerst als Kellner in einem Nobelrestaurant jobben muss, sich aber für Höheres berufen fühlt. Cathcarts-Partner David Schill (Miles Jupp, „Ganz oder gar nicht“) heuert ihn als Spion an, der heimlich Informationen über die Strategie von Taylor & Byrne liefern soll. Ohne zu viel zu verraten: Es ist ein gefährliches Spiel, auf das sich Johnny da einlässt.
Die Grundgemengelage ist damit skizziert. „War“ wird sich über Mediation und Schlichtung dem eigentlichen Gerichtsprozess entgegenarbeiten, das anfangs noch ein wenig schleppende Tempo zieht dabei immer mehr an. Es geht um gegenseitige Sabotage, um den Ehevertrag und seine mögliche Nichtigkeit, um Carlas Sohn aus erster Ehe, um ihren Anteil an Morgans späterem Erfolg. Es geht um Zweifel der Anwälte an ihrem Tun, der Mandanten an ihren Kanzleien, unplanbares Verhalten und nicht wenig auch um das Image der Eheleute in der medialen Öffentlichkeit.
Zudem steht Morgans Firma „Zephyr“ im Fokus, für die Finanzchefin Gillian (Angel Coulby, „Merlin“) und Morgans Assistent Eric (bewährt aasig: Patrick Fabian aus „Better Call Saul“) neue Strategien entwickeln, wie sie den finanziellen Begehrlichkeiten Carlas entzogen werden kann. Selbstredend geht es aber auch um die Kanzleien selbst – vor allem um Taylor & Byrne. Erfahrene Mitarbeiter wie Nora (Akiya Henry, „Protection“) oder Michael (Nick Mohammed, „Ted Lasso“) stehen jungen Hotshots wie Molly (Emma Laird, „Mayor of Kingstown“) oder Saeed (Shaheen Jafargholi, „In Flight“) gegenüber.
Nicht alle dieser Figuren werden gleichermaßen mit Nebensträngen versorgt, am Ende aber haben sie alle an Profil gewonnen. Immer stärker wird erkennbar, dass das Drama nicht zwangsläufig im Gerichtssaal stattfindet, obgleich Celia Imrie („The Diplomat“) und Archie Panjabi („The Good Wife“) später als Anwaltskoryphäen aktiv in den Prozess eingreifen dürfen. Entschieden aber wird das, was sich vor Gericht abspielt, in den vielen Strategiesitzungen, privaten und beruflichen Streitigkeiten und eben auch bei den Spitzel-Einsätzen abseits der Justizgebäude.
Am Ende kommt dabei sicher nicht die beste Serie des Jahres heraus und noch nicht einmal die beste Anwaltsserie der Saison (das nämlich ist „Cupertino“ bei CBS – leider noch ohne Deutschlandstart) – auf alle Fälle aber starkes Entertainment mit geschliffenen, teilweise schön bösen Dialogen, für die George Kay verantwortlich zeichnet. Dem Briten, der neben „Lupin“ u.a. auch „Hijack“ erfand und Anfang 2027 mit „The Wanted Man“ eine neue Serie mit Hugh Laurie herausbringen wird, gelingt es überzeugend, sein großes Figurenensemble zu managen und einige zentrale Handlungslinien so herauszuarbeiten, dass die den Plot zielsicher ins Finale tragen.
Eine davon gehört Johnny, dessen Doppelspiel notgedrungen auffliegen muss. An ihm, der aus unterprivilegierten Verhältnissen stammt, und seiner reichen Freundin Bella (Honor Swinton Byrne, „A Very Royal Scandal“), in deren Sphären er sich etablieren möchte, werden auch die Klassengegensätze durchgespielt, die in der Welt der britischen Top-Kanzleien fraglos eine bedeutende Rolle spielen. Dass Johnny während der Prozessvorbereitungen auch noch mit seiner Mandantin anbandeln muss (während er zugleich Infos über sie an die Konkurrenz verhökert), ist ein bisschen zu viel des Guten, arbeitet aber der immer auch leicht boulevardesken Seifenopernhaftigkeit zu, die dieser Gerichtsserie ebenfalls anhaftet (und anhaften soll). Justizthriller meets satirische Salonkomödie.
Vorwerfen könnte man „War“ am Ende allerdings, dass die Serie den eigentlichen Anlass der Erzählung, die kollabierte Ehe von Morgan und Carla, zu oberflächlich betrachtet. West und Miller haben nur wenige gemeinsame Szenen, in ihnen wird leider nicht wirklich spürbar, was diese beiden Individuen mal aneinander gefunden haben könnten. Ihre Ehe bleibt Behauptung – und das damit zusammenhängende Finale in der achten Folge hinter den Erwartungen zurück. Das ist schade, letztlich aber kein Ausschlusskriterium, weil es eben vorrangig um den Krieg der Kanzleien geht.
Sowieso hat die Serie die Chance, es beim nächsten Mal in dieser Hinsicht noch besser zu machen. „War“ nämlich ist als Anthologieserie geplant: Aus dem „Case of the Week“ wird das Prinzip „Case of the Season“. Die von HBO bereits in Auftrag gegebene und mit Marisa Tomei, Kelly Macdonald und „The West Wing“-Veteran Richard Schiff prominent besetzte zweite Staffel wird sich demnach um einen ganz anderen Fall kümmern.
Meine Wertung: 4/5„War“ wird in Deutschland seit dem 5. Oktober wöchentlich auf WOW / Sky GO / RTL+ Premium veröffentlicht.
Gian-Philip Andreas hat Kommunikationswissenschaft studiert und viel Zeit auf diversen Theaterbühnen verbracht. Seit 1997 schreibt er für Print und online vor allem über Film, Theater und Musik. Daneben arbeitet er als Sprecher (fürs Fernsehen) und freier Lektor (für Verlage). Für fernsehserien.de rezensiert er seit 2012 Serien. Die seiner Meinung nach beste jemals gedrehte Episode ist Twin Peaks S02E07 („Lonely Souls“) - gefolgt von The Sopranos S03E11 („Pine Barrens“), The Simpsons S08E23 („Homer’s Enemy“), Mad Men S04E07 („The Suitcase“), My So-Called Life S01E11 („Life of Brian“) und selbstredend Lindenstraße 507 („Laufpass“).
Lieblingsserien: Twin Peaks, Six Feet Under, Parks and Recreation
meldenDarmok auf dem Ozean am 02.11.2026 19:42
Oh! Kein neues Succession? ZUM GLÜCK!