Im vergangenen Mai habe ich bei einem Marktscreening beim Filmfestival in Cannes den ersten komplett KI-generierten Actionfilm gesehen – ein 90-minütiger Fantasy-Blockbuster für nur 500.000 Dollar! Mein Fazit damals: „Hell Grind“ ist ein mieser Film, dem ich nicht mehr als 1 von 5 Sternen geben würde. Aber hätte man ein Publikum von der Straße reingeholt, wäre es vermutlich mindestens der Hälfte überhaupt nicht aufgefallen, dass die Bilder ausnahmslos von einer KI errechnet wurden.
Und so habe ich dann auch direkt in der Überschrift meines Artikels die Frage gestellt: Müssen wir uns wirklich Sorgen um die Zukunft des Kinos machen?
Nur sechs Monate später sieht die Welt schon wieder ganz anders aus – KI ist noch einmal sehr viel schneller und besser geworden. Und daher haben wir den nächsten Schritt nun auch früher erreicht, als ich (und wohl die meisten) erwartet hätten: Am 23. Oktober 2026 ist mit dem 100 Minuten langen Sci-Fi-Epos „Sanxingdui: Future Past“ (Trailer siehe oben) erstmals ein KI-generierter Film regulär in einem der großen Kinomärkte des Planeten gestartet – und zwar nicht als kleiner Test auf ein paar Leinwänden, sondern mit mehr als 10.000 Screenings allein am ersten Tag!
… aber will das wirklich jemand sehen?
Für den ersten großen KI-Kinostart kann es natürlich auch nur einen logischen Plot geben: „Sanxingdui: Future Past“ handelt von einer Zukunft, in der eine künstliche Superintelligenz die komplette Menschheit versklavt hat. Die vorab veröffentlichten Szenenbilder stammen zwar offensichtlich aus dem Rechner – aber der Unterschied zwischen herkömmlichem CGI und direkt per KI erstellten Bildern lässt sich so direkt nicht ausmachen:
Bona Film Group
Bona Film Group
Aber ein Interesse, sich das Ganze dann tatsächlich anzusehen (und dafür auch noch Eintritt zu zahlen), bestand offenbar trotzdem nicht. Selbst das Alleinstellungsmerkmal, dass es der erste Film seiner Art ist, hat nicht geholfen: Am Ende des ersten Wochenendes kam „Sanxingdui: Future Past“ auf gerade einmal 198.000 Dollar. Wenn wir davon ausgehen, dass es die 10.000+ Screenings nicht nur am ersten Freitag, sondern auch am Samstag und Sonntag gegeben hat, dann lässt sich ausrechnen, wie viele Zuschauer*innen durchschnittlich im Saal saßen.
198.000 Dollar geteilt durch den durchschnittlichen Ticketpreis in China (sechs Dollar) geteilt durch die Zahl der Screenings (30.000) – und dann kommt heraus: ca. 1,2 verkaufte Tickets pro Vorstellung. Und wenn man sich die vielen Social-Media-Posts/Videos anschaut, dürfte das Gros des Publikums sogar aus Influencer*innen bestanden haben, die nur davon berichten wollten, wie schrecklich das alles ist. Wegen der Qualität des Films – oder einfach nur, um sich von einem Sci-Fi-Blockbuster berieseln zu lassen – ist offenbar niemand ins Kino gegangen.
Zum Glück hat „Sanxingdui: Future Past“ offiziell „nur“ ca. 1,5 Millionen Dollar gekostet. Kino war eben schon immer auch eine gewisse Realitätsflucht – und viele wollen aktuell offenbar vor nichts dringender ins Kino flüchten als vor dem allgegenwärtigen KI-Slop …
Apropos China-Box-Office – da hat sich am vergangenen Wochenende noch eine weitere spannende Geschichte ereignet: